Schweizer Uhrenindustrie: Luxus allein reicht nicht aus

Die Deloitte-Expertin Karine Szegedi warnt: Der Rückgang der Absatzmengen und die Konzentration auf das Luxussegment gefährden fast 700 Unternehmen. Die Preisklasse von 1’000 bis 3’000 Franken wird vernachlässigt, dabei ist das Preis-Leistungs-Verhältnis entscheidend.
Kontext
Auf einen Blick
- Die Verkaufszahlen sind deutlich zurückgegangen.
- Luxus allein reicht nicht aus, um fast 700 Uhrenhersteller zu stützen.
- Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist in 12 von 13 Märkten das wichtigste Kriterium.
- Das Herkunftsland ist für 15 % das wichtigste Kriterium, gegenüber 20 % im Jahr 2022.
Wichtigste Fakten
- Warnung → Karine Szegedi, Branchenexpertin bei Deloitte
- Quelle → Interview, veröffentlicht von der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ)
- Industriebasis → fast 700 Uhrenhersteller
- Vernachlässigtes Preissegment → zwischen 1'000 und 3'000 Franken
- Herkunftsland → wichtigstes Kriterium für 15 % in 13 Schlüsselmärkten
- Vergleich → 20 % im Jahr 2022
- Hauptkriterium → Preis-Leistungs-Verhältnis in 12 von 13 Märkten
- Chancen → Indien und der Frauenmarkt
Die Warnung bezüglich der industriellen Basis
Fast 700 Uhrenhersteller bilden die industrielle Basis, die laut Karine Szegedi Gefahr laufen würde, nicht mehr aufrechterhalten zu werden, sollte die Schweiz fast ausschließlich Luxusuhren produzieren. Die Branchenexpertin bei Deloitte schlug heute in einem von der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) veröffentlichten Interview Alarm. Über die Meldung berichtet Keystone-ATS.
Die These geht von folgender Frage aus: Die Verkaufszahlen sind deutlich zurückgegangen und werden kaum wieder auf das frühere Niveau zurückkehren. Der Rückgang betrifft vor allem die Zulieferer von Uhrwerken, Zifferblättern, Gehäusen und anderen Komponenten, die stärker als die Marken selbst von den Produktionsmengen abhängig sind. Für sie ist eine gewisse Auslastung der Anlagen erforderlich, um Maschinenpark, Fachkräfte und Know-how zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Die Hinwendung zum Premiumsegment, so Szegedi, sei nachvollziehbar. Das Schweizer Lohnniveau, der starke Franken, die steigenden Goldpreise und die hohen Produktionsanforderungen machen die Herstellung kostspielig. Die Schweiz verfügt jedoch über großes Know-how bei komplizierten Uhren und speziellen handwerklichen Techniken; internationale Sammler sind zu hohen Zahlungen bereit. Viele Hersteller konzentrieren sich daher auf komplizierte Uhren mit aufwendigem Design.
Das unbesetzte Segment
Der Expertin zufolge wird durch diese Entscheidung das Segment zwischen 1’000 und 3’000 Franken vernachlässigt, in dem es heute relativ wenige Schweizer Anbieter gibt. Es handelt sich dabei um ein wichtiges Einstiegssegment für mechanische Uhren. In weniger ausgereiften Märkten wie Indien oder Mexiko sowie auch in den USA könnten mehr Schweizer Angebote den Absatz steigern.
Derzeit wird das Herkunftsland von 15 % der Befragten in 13 Schlüsselmärkten als wichtigstes Kaufkriterium genannt, gegenüber 20 % im Jahr 2022. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist in 12 der 13 Märkte das wichtigste Kriterium. Szegedi sieht Potenzial in Indien und auf dem Frauenmarkt: Im ersten Fall hilft das Freihandelsabkommen zwischen Bern und Neu-Delhi den Marken; im zweiten Fall müssen Produkt und Verkaufserlebnis von Anfang an auf weibliche Kunden ausgerichtet werden.
Operative Details
Der Druck entlang der Lieferkette
Das Problem betrifft nicht nur die Marken, die die fertigen Uhren verkaufen. Wenn die Stückzahlen sinken, müssen die Zulieferer Maschinen, Fachkräfte und Know-how bei ausreichender Auslastung aufrechterhalten. Der höhere Endpreis bedeutet nicht automatisch, dass sich diese Notwendigkeit in einen proportionalen Gewinn für die Komponentenhersteller umwandelt. Der Unterschied zwischen einem Luxusgut und der zu seiner Herstellung erforderlichen industriellen Arbeit ist der Kern von Szegedis Warnung.
„Ein Hersteller von Hochpräzisionsschrauben verdient nicht das Zehnfache, nur weil seine Schrauben in einer Uhr landen, die das Zehnfache kostet.“
Für wer in der Schweiz lebt, hilft die Preisskala zu verstehen, warum die Nachfrage nicht auf dieselbe Weise reagiert. Wer einen Kauf im Wert von 80’000 oder 100’000 Franken in Erwägung zieht, kann dies auch dann noch tun, wenn der Preis eine andere Rolle spielt. Wer für eine Uhr im Wert von 1’500 oder 2’000 Franken sparen muss, reagiert viel stärker auf Inflation und steigende Lebenshaltungskosten. Um diesen Abschnitt zu lesen, kann man den Code costo della vita in Svizzera heranziehen; für einen in Franken angegebenen Preis kann man den Code comparatore CHF/EUR hinzufügen.
Marke, Herkunft und neue Käufer
Die geringere Bedeutung, die dem Herkunftsland beigemessen wird, bedeutet nicht, dass „Swiss made“ jeglichen Wert verloren hat. Laut Szegedi bleibt es ein wichtiges Qualitätssiegel, vor allem bei preisgünstigeren Uhren. Andere Länder haben jedoch in Sachen Qualität und Design aufgeholt. Bei Spitzenprodukten hängt das Vertrauen eher vom Markennamen ab, sodass einige Hersteller bewusst auf die Bezeichnung „Swiss made“ verzichten.
Die beiden von der Expertin genannten Märkte weisen unterschiedliche Merkmale auf. In Indien macht das Freihandelsabkommen den Verkauf attraktiver, während große Juwelierketten in die Infrastruktur ihrer Geschäfte investieren. Das Land ist jedoch nicht einfach das nächste China. Auf dem Frauenmarkt lässt sich die Nachfrage hingegen nicht durch eine Abwandlung eines Herrenmodells gewinnen: Es bedarf eines Produkts und eines Verkaufserlebnisses, die von Anfang an auf weibliche Kundinnen zugeschnitten sind.
Nützliche Tools zum Schutz Ihres Nettolohns
Um Wechselkursverluste zu reduzieren, vergleichen Sie CHF-EUR-Wechseloptionen und Banken für Grenzgänger.
Wichtige Punkte
Ein praktisches Raster zur Analyse der Branche
Die Quelle bietet ein praktisches Raster, um den Sektor zu analysieren, ohne den Produktpreis mit der Stabilität der industriellen Basis zu verwechseln. Wer einen Kauf, einen Lieferanten oder einen Markt bewerten muss, kann dabei wie folgt vorgehen.
1. Die Preisklasse festlegen. Die Uhr zwischen 1000 und 3000 Franken einordnen oder eine Ausgabe von 1500 oder 2000 Franken von einer von 80’000 oder 100’000 unterscheiden. Der Vergleich ändert sich, weil sich die Reaktion auf den Preis, die Inflation und die Lebenshaltungskosten ändert.
2. Das Preis-Leistungs-Verhältnis prüfen. Das Herkunftsland bleibt ein Qualitätssiegel, vor allem bei den günstigeren Modellen, aber andere Länder haben beim Design und bei der Qualität aufgeholt. Es reicht daher nicht, bei der Kennzeichnung Swiss made stehenzubleiben.
3. Die industrielle Seite betrachten. Für einen Zulieferer zählen die Produktionsvolumina, die Auslastung der Maschinen, die Fachkräfte und das Know-how. Die Diversifizierung in Richtung Schmuck oder Medizintechnik ist ein Weg, den viele anstreben, aber nicht alle können ihn beschreiten.
4. Indien mit Vorsicht bewerten. Das untere und mittlere Segment hat Potenzial; die Schweizer Uhr kann ein Statussymbol und eine Möglichkeit sein, sich selbst zu belohnen. Das Abkommen mit Bern und die Investitionen der Juwelierketten helfen, aber Indien ist nicht einfach das nächste China.
5. Für Kundinnen entwerfen. Eine Damenuhr sollte nicht nur eine kleinere Variante eines Herrenmodells, eine Schmuckuhr oder ein als Geschenk gedachtes Quarzprodukt sein. Szegedi nennt Produkt und Verkaufserlebnis als Ausgangspunkt.
Dieses Raster trennt die Kaufentscheidung von der Stabilität der Produktion. Es hilft auch dabei, einen hohen Preis nicht mit der Nachhaltigkeit der Lieferkette zu verwechseln: Es handelt sich um miteinander verbundene, aber nicht gleichwertige Ebenen. Das von Szegedi beschriebene Bild bündelt die Spannungen bei den Volumina, der Kaufkraft und der Art und Weise, wie das Produkt präsentiert wird.
Um den gewählten Preis ins Verhältnis zum eigenen Einkommen zu setzen, verwende calcolatore stipendio/imposte.
Quelle: swissinfo.ch
Häufig gestellte Fragen
- Was ist die wichtigste Warnung, die in Bezug auf die Schweizer Uhrenindustrie ausgesprochen wurde?
- Die Deloitte-Expertin Karine Szegedi warnte, dass fast 700 Uhrenunternehmen, die die industrielle Basis der Schweiz bilden, Gefahr laufen, keine Unterstützung zu erhalten, wenn sich die Produktion fast ausschließlich auf Luxusuhren konzentriert. Die Verkaufszahlen sind deutlich zurückgegangen, und dieser Rückgang trifft vor allem die Komponentenlieferanten, die eine gewisse Auslastung ihrer Anlagen benötigen, um Maschinen, qualifizierte Arbeitskräfte und Know-how zu erhalten.
- Welche Preisklasse wird von der Schweizer Uhrenindustrie vernachlässigt und warum ist sie wichtig?
- Die Preisklasse zwischen 1000 und 3000 Franken wird derzeit vernachlässigt, mit relativ wenigen Schweizer Anbietern. Dieses Segment gilt als wichtiges 'Einstiegssegment' für mechanische Uhren. Laut Szegedi könnte ein größeres Schweizer Angebot in diesem Preissegment den Absatz in weniger reifen Märkten wie Indien oder Mexiko und auch in den Vereinigten Staaten steigern.
- Wie hat sich das Kriterium des 'Herkunftslandes' für Käufer Schweizer Uhren verändert?
- Das Herkunftsland wird von 15% der Befragten in 13 wichtigen Märkten als wichtigstes Kaufkriterium angegeben, gegenüber 20% im Jahr 2022. Obwohl 'Swiss made' ein Qualitätssiegel bleibt, insbesondere bei günstigeren Uhren, ist das Preis-Leistungs-Verhältnis in 12 der 13 untersuchten Märkte zum wichtigsten Kriterium geworden.
- Welche Marktchancen sieht die Expertin für die Schweizer Uhrenindustrie?
- Karine Szegedi sieht Potenzial in Indien und auf dem Frauenmarkt. Für Indien begünstigt das Freihandelsabkommen zwischen Bern und New Delhi die Marken. Für den Frauenmarkt ist es entscheidend, das Produkt und das Verkaufserlebnis von Anfang an speziell für Kundinnen zu gestalten, anstatt männliche Modelle anzupassen.