GLP-1-Medikamente gegen Adipositas: Auswirkungen auf die Lebensmittelindustrie

Im vergangenen Jahr lag in der Schweiz der Anteil der Bevölkerung, die mit GLP-1-Medikamenten behandelt wurde, bei unter 2%.
Kontext
Auf einen Blick
- In der Schweiz befinden sich weniger als 2% in einer GLP-1-Therapie
- In den USA sinkt das Lebensmittelbudget um bis zu 5%
- Emmi, Danone und Nestlé passen ihre Sortimente an
- Givaudan schätzt ein jährliches Wachstum von 9%
Wichtige Fakten
- GLP-1-Therapie in der Schweiz → im vergangenen Jahr unter 2%
- Lebensmittelbudget in den USA → Rückgang um bis zu 5%
- Von Givaudan geschätztes Wachstum → etwa 9% jährlich in den nächsten fünf Jahren
- Schweizer Bevölkerung mit Übergewicht → 43% im Jahr 2022
- Schweizer Bevölkerung, die die Kriterien für Adipositas erfüllt → 12% im Jahr 2022
- Daten zur Schweizer Therapie → Analyse von Helsana für AWP
Im vergangenen Jahr lag in der Schweiz der Anteil der Bevölkerung, die mit GLP-1-Medikamenten behandelt wurde, bei unter 2%. Die Zahl stammt aus einer von Helsana, der grössten Krankenkasse des Landes, im Auftrag von AWP durchgeführten Analyse. Laut ATS bleibt der Prozentsatz gering, hat sich aber über ebenso viele Jahre hinweg fast verzehnfacht.
Der Dienst Keystone-ATS ordnet diese Entwicklung in einen umfassenderen Wandel der Lebensmittelindustrie ein. Das Motto Weniger essen, besser essen begleitet die neuen Behandlungen gegen Adipositas und Übergewicht und setzt eine traditionell auf unmittelbaren Genuss ausgerichtete Branche unter Druck.
Théodore Duval-Segard, Leiter des Lebensmittelbereichs bei AlphaValue, stellt fest, dass die Mehrheit der in Europa börsennotierten Unternehmen, die im Lebensmittel- und Getränkesektor tätig sind, ihre Geschäftstätigkeit auf Alkohol, Zucker, Schokolade und Fette konzentriert. Die zertifizierte Ernährungsberaterin Natalie Bez, die an der Berner Fachhochschule forscht, ist ebenfalls der Ansicht, dass diese Produkte für die Allgemeinbevölkerung wenig empfehlenswert und für Menschen, die abnehmen wollen, noch weniger geeignet sind.
Laut Duval-Segard entwickelt sich das, was zunächst wie eine Modeerscheinung hätte wirken können, zu einem strukturellen Phänomen: Die Verbreitung der GLP-1-Therapien und der Rückgang ihrer Preise veranlassen die Verantwortlichen der Lebensmittelkonzerne, ihre Sortimente neu zu überdenken.
Der Analyst schätzt, dass der mit GLP-1 kompatible Anteil an der Börsenkapitalisierung der Lebensmittel- und Getränkeindustrie 10% nicht übersteigt. Eine Ausnahme bilden jedoch drei Unternehmen: Danone, ein französischer Grosskonzern, der in den Bereichen Wasser und Joghurt tätig ist; Emmi, ein Milchverarbeitungsunternehmen mit Sitz in Luzern; und Ebro Foods, ein auf Reis und Pasta spezialisiertes spanisches Unternehmen.
Für die genannten Schweizer Unternehmen betrifft der Wandel nicht nur die Menge der konsumierten Lebensmittel. Die Quelle beschreibt eine Überarbeitung der Sortimente, der Portionen und des Nährwertprofils, wobei den Proteinen eine zentrale Rolle zukommt. Der Markt befindet sich jedoch weiterhin in einer anderen Phase als der nordamerikanische, wo der Einsatz der Behandlungen bereits deutlich weiter verbreitet ist.
Operative Details
Der Vergleich von Daten und Strategien
Die Prozentsätze messen nicht dasselbe
Der erste Vergleich erfordert Vorsicht, weil sich die verfügbaren Daten auf unterschiedliche Größen beziehen. In den Vereinigten Staaten haben jüngste Studien festgestellt, dass von den Behandlungen betroffene Familien ihr Lebensmittelbudget um bis zu 5% senken können. In der Schweiz hingegen gibt der Wert von unter 2% an, welcher Anteil der Bevölkerung im vergangenen Jahr eine GLP-1-Therapie erhielt. Der erste Wert bezieht sich auf die Ausgaben einer Familie; der zweite misst die Verbreitung der Behandlung in der Bevölkerung.
| Indikator | Region | Wert und Zeitraum |
|---|---|---|
| Lebensmittelbudget der betroffenen Familien | Vereinigte Staaten | Rückgang um bis zu 5% |
| Bevölkerung in GLP-1-Therapie | Schweiz | Unter 2% im vergangenen Jahr |
| Bevölkerung mit Übergewicht | Schweiz | 43% im Jahr 2022 |
| Bevölkerung, die die Kriterien für Adipositas erfüllt | Schweiz | 12% im Jahr 2022 |
Der Wert von 5% ist daher keine Schätzung der Lebenshaltungskosten in der Schweiz und kann nicht verwendet werden, um zu berechnen, wie viel Schweizer Familien ausgeben. Die Quelle liefert keinen entsprechenden nationalen Wert für das Lebensmittelbudget. Die Quelle zeigt jedoch die in den Vereinigten Staaten beobachtete Entwicklung: weniger Snacks und zuckerhaltige Produkte, mehr frische Lebensmittel, kleinere Portionen und proteinreiche Produkte.
Die Zusammensetzung des Angebots erklärt, warum die Unternehmen von unterschiedlichen Ausgangspositionen aus starten. Danone und Emmi gelten aufgrund ihrer Tätigkeit im Bereich der Milchverarbeitung als am besten positioniert. Das Produktportfolio von Emmi ist bereits reich an Proteinen und umfasst auch Desserts im Premiumsegment. Duval-Segard schreibt dem Luzerner Unternehmen gerade deshalb eine besondere Positionierung zu, weil Desserts in der Ernährung von Patienten, die eine GLP-1-Therapie erhalten, Genussmomente bewahren können.
Nestlé verfolgt einen anderen Weg. Angesichts einer Problematik, die als weitgehend unvereinbar mit dem eigenen Geschäftsmodell gilt, hat der waadtländische multinationale Konzern ein völlig neues Angebot für Patienten, die eine GLP-1-Therapie erhalten, entwickelt und es im Jahr 2024 in den Vereinigten Staaten eingeführt. Das Unternehmen setzt außerdem auf mit Proteinen angereicherte Getränke.
Bei dem Vergleich geht es auch um die Technologie der Inhaltsstoffe. Die Zugabe von Proteinen verändert den Geschmack stark und erfordert eine Rezepturänderung, um diesen Effekt zu kaschieren. Deshalb sieht Givaudan, der vor allem für seine Düfte bekannte Genfer Konzern, eine Chance in der Aromen-Division. Ebro Foods ergänzt mit seiner Spezialisierung auf Reis und Pasta die Gruppe der vom Analysten genannten Ausnahmen.
Wichtige Punkte
Der Geltungsbereich der Schweizer Daten
Eine weiterhin auf Nordamerika konzentrierte Verbreitung
Derzeit ist das GLP-1-Phänomen in Nordamerika am weitesten verbreitet. Jüngste Beobachtungen weisen darauf hin, dass diese Behandlungen mehr als einem von zehn Erwachsenen zur Behandlung von Diabetes oder Übergewicht verschrieben wurden. In der Schweiz betraf die Therapie hingegen im vergangenen Jahr weniger als 2% der Bevölkerung, obwohl der Anteil fast zehnmal so hoch war wie zehn Jahre zuvor.
Der Artikel bringt die Möglichkeit eines weiteren Wachstums mit der Verbreitung von Übergewicht in der Schweizer Bevölkerung in Verbindung. Das Bundesamt für Statistik (BFS) schätzte im Jahr 2022, dass 43% der Menschen übergewichtig waren und 12% der Menschen die Kriterien für Adipositas erfüllten. Diese Werte beschreiben den Zustand der Bevölkerung, nicht die Zahl der Patienten, die GLP-1-Medikamente einnehmen. Daraus lässt sich keine direkte Prognose für künftige Verkäufe oder Therapien ableiten.
Auch die von Helsana ausgewertete Kennzahl hat einen klar abgegrenzten Geltungsbereich: Sie erfasst die Zahl der Personen in Therapie und beschreibt weder Prämien noch Rückerstattungen oder die Regeln der LAMal/KVG. Die Quelle gibt außerdem nicht an, wie viele Behandlungen gegen Diabetes und wie viele gegen Übergewicht in der Schweiz verschrieben wurden. Diese Unterscheidung verhindert, dass sich das über zehn Jahre verzeichnete Wachstum in eine detaillierte Schätzung des nationalen Marktes umrechnen lässt.
Proteine, Geschmack und Reformulierung
Aus ernährungsphysiologischer Sicht hält Natalie Bez es für vorrangig, eine ausreichende Proteinzufuhr zusammen mit einer ausgewogenen Ernährung sicherzustellen, die Mineralstoffe, Vitamine, Vollkorngetreide, Obst und Gemüse umfasst. Die Erhöhung des Proteingehalts ist für die Industrie problematisch, da sie den Geschmack der Lebensmittel stark verändern kann. Laut Duval-Segard müssen die Hersteller die Rezeptur der Produkte ändern, um diese Folge abzumildern.
Givaudan versucht, diese Schwierigkeit in eine Chance für die Aromendivision zu verwandeln. Der Direktor Antoine Khalil schätzte diesen Sommer für den Markt, auf den er sich bezog, ein jährliches Wachstum von etwa 9% in den kommenden fünf Jahren und fügte hinzu, dass der Konzern davon überproportional profitieren wolle.
Nestlé liefert einen weiteren belegten Hinweis: Die Produktpalette für GLP-1-Patienten wurde 2024 in den Vereinigten Staaten eingeführt, nicht in der Schweiz. Die Quelle liefert keine Daten zu den Verkäufen der genannten Unternehmen in der Schweiz, zu den Marktanteilen, zu den Auswirkungen auf die Verbraucherpreise oder zu etwaigen neuen Produkten für den nationalen Markt. Das verfügbare Gesamtbild umfasst somit angekündigte Strategien, Verbreitungsdaten und eine Schätzung aus der Industrie, nicht eine vollständige Prognose für die Schweizer Wirtschaft.
Quelle: swissinfo.ch
Häufig gestellte Fragen
- Wie verbreitet ist die GLP-1-Therapie in der Schweiz?
- Einer Analyse von Helsana im Auftrag von AWP zufolge lag der Anteil der Schweizer Bevölkerung, die mit GLP-1-Medikamenten behandelt wurde, im vergangenen Jahr bei unter 2 %. Obwohl der Prozentsatz weiterhin gering ist, ist dieser Wert innerhalb von zehn Jahren um fast das Zehnfache gestiegen. Das Bundesamt für Statistik (BFS) gab an, dass im Jahr 2022 43 % der Bevölkerung übergewichtig waren und 12 % die Kriterien für Adipositas erfüllten, doch diese Daten erlauben keine Bestimmung der Zahl der Arzneimittelverschreibungen.
- Wie reagiert die Schweizer Lebensmittelindustrie?
- Die Unternehmen überprüfen ihre Strategien, um sich an einen strukturellen Wandel anzupassen. Danone, Emmi und Ebro Foods werden als besser aufgestellte Ausnahmen genannt. Emmi setzt auf ein proteinreiches Portfolio und Premium-Desserts, während Nestlé 2024 in den Vereinigten Staaten eine spezielle Produktlinie für Patienten unter GLP-1-Therapie auf den Markt gebracht hat und auf Proteingetränke setzt. Givaudan arbeitet über die Division Aromen an der Neuformulierung von Produkten, um den durch die Zugabe von Proteinen veränderten Geschmack zu überdecken, und schätzt in den kommenden fünf Jahren ein jährliches Wachstum von 9 %.
- Gibt es messbare Auswirkungen auf das Lebensmittelbudget?
- Die Quelle berichtet, dass in den Vereinigten Staaten einige von den Behandlungen betroffene Familien ihr Lebensmittelbudget um bis zu 5% reduziert haben. Diese Zahl ist jedoch auf den schweizerischen Kontext nicht anwendbar. In der Schweiz liegen keine vergleichbaren Schätzungen zu den mit GLP-1-Medikamenten verbundenen Haushaltsausgaben vor. Der Vergleich zwischen den US-amerikanischen und den schweizerischen Daten wird durch die unterschiedliche Art der gemessenen Größen eingeschränkt: Verbreitung der Therapie in der Schweiz gegenüber der Reduzierung der Lebensmittelausgaben in den USA.