Glarner Landsgemeinde: Sparmaßnahmen und Umwelt im Fokus

Landsgemeinde-Versammlung in Glarus, Schweiz, mit Bürgern, die auf einem öffentlichen Platz wichtige Fragen abstimmen.

Die Stimmberechtigten von Glarus entscheiden über Kürzungen der öffentlichen Ausgaben, neue Umweltsteuern und bezahlbaren Wohnraum in der historischen Versammlung.

Kontext

Kurz zusammengefasst

  • Grenzgänger zahlen Schweizer Steuern und Sozialabgaben, dürfen aber nicht über Abstimmungen abstimmen, die ihre Arbeitsbedingungen regeln.
  • Jede Bundesabstimmung oder kantonale Abstimmung kann direkt Mindestlöhne, Bewilligungsregeln oder Arbeitsvorschriften verändern.
  • Die Landsgemeinde in Glarus ist das eindrücklichste Bild der Schweizer direkten Demokratie — und der Grenze zwischen jenen, die mitbestimmen, und jenen, die zuschauen.

Am ersten Sonntag im Mai 2026 versammelten sich mehrere Tausend Einwohnerinnen und Einwohner im Freien auf dem Hauptplatz von Glarus, hoben die Hand und entschieden über die Zukunft ihres Kantons. Zwölf Abstimmungsgegenstände, vom Sparpaket im Umfang von 5,7 Millionen Franken bis zum Anteil an Wohnungen mit moderaten Mieten. Keine Wahlkabine, kein Stimmzettel: nur die Stimme und die Hand derjenigen, die das Recht haben, sie zu erheben. Die Landsgemeinde — eine öffentliche demokratische Versammlung, die auf das Jahr 1387 zurückgeht — besteht heute nur noch in Glarus und Appenzell Innerrhoden. Wer in Italien wohnt und jeden Morgen die Grenze überquert, um im Tessin zu arbeiten, kann dieses Spektakel beobachten und bewundern. Doch mitbestimmen kann diese Person nicht.

Dies ist das Paradox im Kern des Grenzgängerlebens: einen wesentlichen Beitrag zur Schweizer Wirtschaft zu leisten — durch Quellensteuer, AHV-Beiträge und häufig auch KVG-Prämien — ohne Stimmrecht in denjenigen demokratischen Prozessen, die die eigenen Arbeitsbedingungen regeln. Die Schweiz stimmt im Durchschnitt viermal im Jahr ab. Jede Abstimmung kann Themen berühren, die Grenzgänger direkt betreffen: branchenspezifische Mindestlöhne, Arbeitszeitsregelungen, Bedingungen der Grenzgängerbewilligung G, bilaterale Abkommen mit der EU sowie die Besteuerung von Erwerbseinkommen.

Worüber die Schweiz abstimmt und weshalb das Grenzgänger betrifft

Das System der direkten Demokratie kennt drei Hauptinstrumente: das obligatorische Referendum (bei Verfassungsänderungen), das fakultative Referendum (bei Bundesgesetzen, sofern innerhalb von 100 Tagen 50'000 Unterschriften gesammelt werden) und die Volksinitiative (zur Änderung der Verfassung mit 100'000 Unterschriften in 18 Monaten). Auf kantonaler Ebene funktionieren die Instrumente ähnlich.

Für Grenzgänger besonders relevant sind Abstimmungen über den Arbeitsmarkt, die Steuerpolitik und die Beziehungen zur EU. In den letzten Jahren wurden unter anderem folgende Themen zur Abstimmung gebracht: die Initiative «gegen Masseneinwanderung» (2014), die vorübergehend die bilateralen Verhandlungen belastete, die flankierenden Massnahmen für entsandte Arbeitnehmende sowie verschiedene kantonale Initiativen zum Mindestlohn. Im Tessin, dem Kanton mit dem grössten Anteil an italienischen Grenzgängern, gab es spezifische kantonale Abstimmungen zu lokalen Arbeitsmarktthemen. Grenzgänger trugen die Folgen dieser Entscheidungen, ohne daran mitwirken zu können.

Checkliste für Grenzgänger

1. Verfolgen Sie den Abstimmungskalender des Bundes und der Kantone (admin.ch): Identifizieren Sie Objekte, die den Arbeitsmarkt, die Steuern und die Bewilligungen betreffen. 2. Informieren Sie sich über Gewerkschaften (OCST, UNIA) und Arbeitgeberverbände, die Analysen zu für Grenzgänger relevanten Initiativen veröffentlichen. 3. Engagieren Sie sich in Gewerkschaften bei sensitiven Kampagnen: Diese Organisationen vertreten im öffentlichen Diskurs auch Interessen von Nicht-Stimmberechtigten.

Operative Details

Welche Rechte Grenzgänger haben — und welche nicht

Die Unterscheidung ist wichtig. Grenzgänger mit Ausweis G geniessen in der Schweiz einen umfassenden Arbeitsschutz, der jenem der Einwohnerinnen und Einwohner weitgehend gleichwertig ist: Das Obligationenrecht, Gesamtarbeitsverträge (GAV), das Arbeitsgesetz und das Entsendegesetz gelten unabhängig von Nationalität oder Wohnort. Branchenspezifische Mindestlöhne in GAV sind auch für Arbeitgeber verbindlich, die Grenzgänger beschäftigen. Bei Unfall oder Krankheit deckt die obligatorische UVG-Versicherung Grenzgänger gleich wie ortsansässige Mitarbeitende. AHV- und IV-Beiträge, die in der Schweiz entrichtet werden, begründen Anspruch auf eine Schweizer Rente, die nach Beitragsjahren berechnet wird.

Was Grenzgänger nicht können: an Volksabstimmungen sowie an eidgenössischen, kantonalen oder kommunalen Wahlen teilnehmen. Sie können keine Referenden oder Initiativen unterzeichnen. Der steuerliche Wohnsitz bleibt in Italien (für Grenzgänger ins Tessin wird die in der Schweiz entrichtete Quellensteuer auf die italienische Steuer angerechnet, gestützt auf das Doppelbesteuerungsabkommen von 1976, revidiert 2023). Das Stimmrecht ist Schweizer Bürgerinnen und Bürgern vorbehalten, unabhängig davon, ob sie in der Schweiz oder im Ausland wohnen.

Der Weg zur Schweizer Staatsbürgerschaft — und damit zum Stimmrecht — ist lang. Die ordentliche Einbürgerung setzt in der Regel zehn Jahre Aufenthalt in der Schweiz voraus, davon mindestens drei der letzten fünf Jahre. Inhaber einer Grenzgängerbewilligung G sind im Sinne des Bürgerrechtsgesetzes nicht in der Schweiz niedergelassen: Grenzgänger müssen zunächst eine Aufenthaltsbewilligung B erwerben (tatsächlichen Wohnsitz in der Schweiz begründen), die erforderlichen Jahre ansammeln und dann das Verfahren einleiten, das eine Sprachprüfung, einen Staatskunde-Test und eine Integrationsprüfung umfasst. Die Kosten variieren je nach Kanton, liegen aber durchschnittlich zwischen 500 und 2'000 Franken, ohne allfällige weitere kantonale Gebühren.

Praxisszenarien

Szenario A — Grenzgänger mit Ausweis G: arbeitet seit fünfzehn Jahren im Tessin, zahlt Quellensteuer und AHV-Beiträge, hat aber Wohnsitz in Como. Hat nie rechtmässigen Wohnsitz in der Schweiz gehabt. Kann an keiner Schweizer Abstimmung oder Wahl teilnehmen. Um das Stimmrecht zu erlangen, muss zunächst der rechtliche Wohnsitz in die Schweiz verlegt werden (Wechsel zu Ausweis B), zehn kumulierte Aufenthaltsjahre abgewartet und danach die Einbürgerung beantragt werden. Der Prozess dauert durchschnittlich zwölf bis siebzehn Jahre ab einem hypothetischen Umzug.

Szenario B — Ehemaliger Grenzgänger, der in die Schweiz gezogen ist: hat nach Jahren mit Ausweis G Wohnsitz in Lugano genommen und Ausweis B erhalten. Die Aufenthaltsjahre laufen ab diesem Zeitpunkt. Nach fünf Jahren im Tessin (oder zehn Jahren insgesamt in der Schweiz) kann ein Einbürgerungsantrag gestellt werden. Nachzuweisen sind Kenntnisse des Italienischen (Kantonssprache), soziale Integration und ein einwandfreies Strafregister. Nach erfolgter Einbürgerung besteht volles Stimmrecht — auch an der Landsgemeinde, sofern ein Umzug nach Glarus erfolgt.

Der praktische Unterschied zwischen diesen beiden Szenarien bemisst sich in Jahrzehnten. Für die grosse Mehrheit der italienischen Grenzgänger ins Tessin bleibt das Schweizer Stimmrecht ein fernes Ziel oder schlicht keines, das angestrebt wird.

Wichtige Punkte

Informiert bleiben und die eigene Stimme einbringen

Kein Stimmrecht zu haben bedeutet nicht, ohne Einfluss zu sein. Grenzgänger können auf verschiedenen Wegen aktiv werden.

Gewerkschaften und Verbände. OCST (Organizzazione Cristiano Sociale Ticinese), UNIA und Tessiner Arbeitgeberverbände nehmen aktiv an Vorwahldebatten teil und veröffentlichen offizielle Stellungnahmen. Auch CGIL, CISL und UIL in den Provinzen Como, Varese und VCO verfolgen Schweizer Abstimmungen, die Grenzgänger betreffen. Eine Mitgliedschaft in einer in beiden Ländern aktiven Gewerkschaft ist der direkteste Weg zu qualitativ hochwertigen Informationen und zur Mitgestaltung von Positionen, die im Schweizer politischen Diskurs Gehör finden.

Medien und institutionelle Ressourcen. Die Website der Bundeskanzlei (admin.ch) veröffentlicht alle Abstimmungsunterlagen auf Italienisch, einschliesslich der Abstimmungsbüchlein mit einer Zusammenfassung jedes Objekts. RSI (Radiotelevisione della Svizzera italiana) bietet umfassende Berichterstattung zu jeder Abstimmungsrunde mit besonderem Blick auf das Tessin. Das RSI-Quotidiano ist auch aus Italien frei zugänglich.

Engagement in italienischen Gemeinden. Grenzgänger sind vollwertige italienische Einwohner und wählen bei italienischen Parlaments-, Regional- und Kommunalwahlen. Grenzgemeinden (Como, Varese, Luino, Domodossola) haben ein Interesse daran, die Anliegen der Grenzgänger gegenüber Rom zu vertreten — angefangen beim Steuerabkommen über die Verkehrsinfrastruktur bis zur grenzüberschreitenden Mobilität.

Rechtliche Grundlagen

  • CH-IT-Grenzgängerabkommen (1974, aktualisiert durch das neue Steuerabkommen 2023, in Kraft seit 1. Januar 2024)
  • Ausländer- und Integrationsgesetz (AIG)
  • Bürgerrechtsgesetz (BüG, SR 141.0)
  • Im Tessin anwendbare Gesamtarbeitsverträge (Bauwesen, Maschinenindustrie, Detailhandel, Gastgewerbe)

Nützliche Tools

Vor jeder Entscheidung zur eigenen Arbeitssituation in der Schweiz lohnt sich eine Simulation des tatsächlichen Nettoeinkommens inklusive aller Abzüge: Nutzen Sie den Lohnrechner für Grenzgänger, um Ihr Nettoeinkommen unter Berücksichtigung von Quellensteuer, Sozialabgaben und dem CHF-EUR-Wechselkurs zu berechnen.

Quelle: tio.ch

Häufig gestellte Fragen
Dürfen Grenzgänger mit Ausweis G an Schweizer Volksabstimmungen teilnehmen?
Nein. Das Stimmrecht in der Schweiz — sowohl bei Bundesabstimmungen als auch bei kantonalen und kommunalen Abstimmungen und Wahlen — ist Schweizer Staatsangehörigen vorbehalten. Grenzgänger mit Ausweis G sind im Sinne des Bürgerrechtsgesetzes nicht in der Schweiz niedergelassen und haben kein Stimmrecht, unabhängig davon, wie viele Jahre sie in der Schweiz gearbeitet oder wie viele Steuern sie dort bezahlt haben.
Können Schweizer Abstimmungen die Arbeitsbedingungen von Grenzgängern verändern?
Ja, direkt. Eine Abstimmung kann branchenspezifische Mindestlöhne in GAV, Arbeitszeitregelungen, flankierende Massnahmen für ausländische Arbeitnehmende und — bei einer Revision der bilateralen Abkommen CH-EU — sogar die Bedingungen der Grenzgängerbewilligung G selbst verändern. Grenzgänger sind diesen Entscheidungen unterworfen, ohne mitwirken zu können.
Was muss ein Grenzgänger tun, um das Schweizer Stimmrecht zu erlangen?
Er oder sie muss zunächst den rechtlichen Wohnsitz in die Schweiz verlegen (von Ausweis G auf Ausweis B wechseln), in der Regel zehn Jahre tatsächlichen Aufenthalt auf Schweizer Staatsgebiet ansammeln und dann eine ordentliche Einbürgerung beantragen. Das Verfahren umfasst Kenntnisse der Kantonssprache, einen Staatskunde-Test und eine Integrationsprüfung. Die Gesamtdauer vom Umzug bis zur Einbürgerung beträgt durchschnittlich zwölf bis siebzehn Jahre.

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