Tessin benachteiligt: Grenzgänger blähen den fiktiven Reichtum des Kantons auf

Grenzpendler, die morgens um 8 Uhr unter Frühlingssonne die italienisch-schweizerische Grenze in Lugano überqueren

Bern betrachtet das Tessin als reicher, als es tatsächlich ist – und zwar aufgrund der Löhne der Grenzgänger. Das Ergebnis: Ab 2026 fließen jährlich 9 Millionen Franken weniger in die Kantonskasse.

Kontext

Auf einen Blick

  • Tessin erhält weniger Bundesgelder wegen Grenzgängerberechnung
  • Pro-Kopf-Durchschnittsverdienst wird künstlich erhöht
  • Tessin verliert 2026 8,2 Mio. Franken im Vergleich zu 2025
  • Grenzgänger belasten Infrastruktur, aber Kosten werden nicht erstattet

Wichtige Fakten

  • Grenzgänger: Mehr als 79’000 täglich im Tessin
  • Finanzausgleich 2026: 98,3 Millionen Franken
  • Verlust 2026 vs 2025: 8,2 Millionen Franken weniger
  • Pro-Kopf-Betrag 2026: 279 Franken pro Einwohner
  • Freiburg Ausgleich: 490 Millionen Franken jährlich
  • Grenzgänger Einkommen: 75% erhöhen statistischen Wert
  • Jährlicher Verlust: 9 Millionen Franken ab 2027
  • Grenzgänger Anteil: Rund ein Drittel der Beschäftigten

Mehr als 79’000 Grenzgängerinnen und Grenzgänger überqueren täglich die italienisch-schweizerische Grenze, um im Tessin zu arbeiten. Ihr wirtschaftlicher Beitrag schlägt jedoch für den Kanton als Bumerang durch: Das System der nationalen Finanzausgleichszahlungen betrachtet sie zwar als Wohlstandsbringer, nicht aber als Einwohner. Laut der Tessiner Regierung führt diese künstliche Verzerrung dazu, dass das Tessin «auf dem Papier reicher» erscheint, als es in Wirklichkeit ist – und damit weniger Bundesgelder erhält, die ihm zustehen würden.

Der Kern des Problems liegt in der Berechnung des Ressourcenpotenzials, einem Indikator, der die Fähigkeit eines Kantons misst, Steuereinnahmen zu generieren. Der Bund bezieht zwar die Einkommen der an der Quelle besteuerten Grenzgänger in die Berechnung ein, zählt sie aber nicht als ansässige Einwohner. Das Ergebnis ist ein künstlich aufgeblähter Pro-Kopf-Durchschnittsverdienst, da der von den Grenzgängern erwirtschaftete Wohlstand nur den im Tessin wohnhaften Personen zugerechnet wird. Aktuell werden lediglich 25 % der Einkommen der Grenzgänger aus der Berechnung ausgeschlossen: Die restlichen 75 % treiben den statistischen Wert des Kantons in die Höhe und machen ihn damit weniger anspruchsberechtigt für Ausgleichszahlungen.

Der Mechanismus, der das Tessin benachteiligt

So funktioniert das System: Je höher der vom Bund berechnete Pro-Kopf-Durchschnittsverdienst ausfällt, desto geringer sind die Bundeszahlungen an einen Kanton. 2026 wird das Tessin 98,3 Millionen Franken aus dem Finanzausgleich erhalten – eine Summe, die 8,2 Millionen Franken weniger ist als 2025. Praktisch bedeutet das 279 Franken pro Einwohnerin und Einwohner. Regierungsratspräsident Norman Gobbi bezeichnete diesen Betrag als «lächerlich gering», wenn man ihn mit demjenigen eines vergleichbaren Kantons wie Freiburg vergleicht. Letzterer erhält jährlich 490 Millionen Franken, obwohl er nicht mit ähnlichen sozioökonomischen Herausforderungen an einer stark frequentierten Grenze konfrontiert ist.

Die Tessiner Regierung bezeichnete den Entscheid des Bundesrats als «klare Missachtung der Realität unseres Kantons» und betonte, dass das aktuelle System die strukturellen Kosten, die das Tessin für die Bewältigung einer stark frequentierten Grenze tragen muss, nicht angemessen berücksichtigt. Die Grenzgängerinnen und Grenzgänger belasten Infrastruktur, öffentliche Dienstleistungen, Verkehr und den lokalen Arbeitsmarkt massiv – Kosten, die das Bundessystem dem Tessin nicht korrekt anlastet.

Die ausgebliebene Anpassung der Verordnung

Die Tessiner Delegation in den eidgenössischen Räten wird im Juni die Bundesfinanzministerin Karin Keller-Sutter treffen, um über das «Nein» Berns zu diskutieren, die Verordnung zum Finanzausgleich bis mindestens 2030 nicht anzupassen. Der Vorschlag, eine neue Gewichtung der Einkommen der Grenzgänger einzuführen, war in die Vernehmlassung geschickt worden und hatte breite Unterstützung unter den Kantonen gefunden, mit einem geplanten Inkrafttreten bereits 2027. Die ausbleibende Anpassung bedeutet für die kantonale Staatskasse einen jährlichen Verlust von geschätzten 9 Millionen Franken – zusätzlich zu den bereits durch die Grenzgängerproblematik entstandenen Mehrkosten.

Der Bundesrat begründete seinen Entscheid damit, dass die Anpassung der Verordnung keine wesentlichen Verbesserungen für das Ausgleichssystem bringen würde. Die Tessiner Regierung entgegnete jedoch, dass diese Weigerung «den nationalen Zusammenhalt und den Schweizer Solidaritätsgeist untergräbt». Sie betonte, dass das Tessin mit einer wirtschaftlichen und sozialen Realität konfrontiert sei, die sich grundlegend von derjenigen der Binnenkantone unterscheide.

📊 Faktencheck: Nur ein Viertel der Einkommen der Grenzgänger wird aktuell aus dem Ressourcenpotenzial ausgeschlossen. Die restlichen 75 % erhöhen den statistischen Wert des Tessins – und damit dessen «Reichtum auf dem Papier».

⚠️ Zitat: «Das aktuelle System ignoriert die strukturellen Kosten, die wir für die Bewältigung der Grenzgängerproblematik tragen müssen», so Regierungsrat Norman Gobbi.

💡 Hintergrund: Die Tessiner Delegation fordert eine faire Berücksichtigung der Grenzgänger im Finanzausgleichssystem, um die Wettbewerbsfähigkeit des Kantons zu stärken und die Solidarität zwischen den Regionen zu wahren.

Operative Details

Die Verzerrung bei der Berechnung des Ressourcenpotenzials hat konkrete Auswirkungen auf den Alltag der Grenzgänger:innen und der Tessiner:innen. Zunächst zwingt der Mangel an Ausgleichszahlungen den Kanton, Ressourcen umzuschichten in kritische Bereiche wie Gesundheit, Verkehr und Bildung – mit möglichen Folgen für die Qualität der öffentlichen Dienstleistungen. Zudem tragen die Grenzgänger:innen zwar wirtschaftlich bei, doch die indirekten Kosten, die ihr Einsatz für das Gebiet mit sich bringt, werden ihnen nicht erstattet.

Vergleich mit der vorherigen Situation

Vor dem aktuellen System erhielt der Tessin einen höheren Anteil an Bundesgeldern, weil die Einkommen der Grenzgänger:innen nicht in die Berechnung des Ressourcenpotenzials einflossen. Heute hat sich die Lage umgekehrt: Der Kanton muss eine stark frequentierte Grenze verwalten, ohne angemessene finanzielle Unterstützung zu erhalten. Laut Daten der Tessiner Regierung sind rund ein Drittel der Beschäftigten im Tessin Grenzgänger:innen – ein Anteil, der deutlich über dem nationalen Durchschnitt liegt. Das bedeutet, dass der Kanton einzigartige Herausforderungen bewältigen muss, etwa den Druck auf den lokalen Arbeitsmarkt und die Auswirkungen auf die Durchschnittslöhne, die unter dem Schweizer Median liegen.

Welche Folgen hat das für die Grenzgänger:innen?

Obwohl Grenzgänger:innen ihre Steuern in der Schweiz abführen, berücksichtigt das Ausgleichssystem nicht, dass ihr Einkommen Dienstleistungen finanziert, von denen sie nicht direkt profitieren. So werden etwa die Kosten für Strassenunterhalt, Verkehrsmanagement und öffentliche Leistungen wie Gesundheit und Bildung hauptsächlich von den Einwohner:innen getragen. Dies führt zu einem Ungleichgewicht, bei dem Grenzgänger:innen die wirtschaftlichen Vorteile der Arbeit in der Schweiz genießen, ohne sich in gleichem Maße an den kollektiven Ausgaben zu beteiligen wie die Einwohner:innen.

📊 > Die Verzerrung des Systems hat direkte Folgen: Der Kanton muss mehr investieren, um die Infrastruktur zu bewältigen – doch die Mittel fehlen.

Das Beispiel Freiburg: eine Warnung

Freiburg, ein Kanton mit ähnlicher Bevölkerungs- und Flächenstruktur wie der Tessin, erhält fünfmal so hohe Ausgleichszahlungen. Der Grund: Sein Ausgleichssystem wird nicht in demselben Maße von Grenzgänger:innen beeinflusst. Für den Tessin ist die Situation komplex: Einerseits generieren Grenzgänger:innen Wohlstand, andererseits entstehen dem Kanton zusätzliche Kosten, die von der Eidgenossenschaft nicht anerkannt werden. Dieses Ungleichgewicht könnte sich mit der Zeit verschärfen – besonders wenn die Zahl der Grenzgänger:innen weiter steigt.

Die nächsten Schritte des Tessins

Die Kantonsregierung hat bereits eine Reihe von Initiativen gestartet, um die Situation zu verbessern. Dazu gehören die Suche nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten für die notwendige Infrastruktur an der Grenze, etwa durch Reformen der lokalen Steuern oder die Aushandlung bilateraler Abkommen mit Italien. Diese Massnahmen werden jedoch Zeit in Anspruch nehmen und die fehlenden Bundesmittel nicht vollständig ersetzen können. In der Zwischenzeit müssen die Grenzgänger:innen und die Tessiner:innen die Konsequenzen eines Ausgleichssystems tragen, das den realen Bedürfnissen des Kantons nicht mehr gerecht wird.

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Wichtige Punkte

Wenn Sie als Grenzgänger:in in der Schweiz arbeiten, könnte der Entscheid des Bundesrats zur Finanzausgleichspolitik indirekte Auswirkungen auf Ihren Job und Ihre Finanzen haben. Hier erfahren Sie, wie Sie konkret Ihre Interessen schützen und über die nächsten Schritte des Kantons auf dem Laufenden bleiben können.

1. Überprüfen Sie Ihren Steuerstatus und Ihre Rechte

Als Grenzgänger:in in der Schweiz unterliegen Sie der Quellensteuer. Es ist jedoch wichtig, dass die Berechnung Ihrer Steuern korrekt ist – besonders, wenn Sie zusätzliche Einkünfte haben oder Ihren Wohnsitz gewechselt haben. Sie können sich an das Steueramt des Kantons Tessin wenden, um eine Überprüfung vorzunehmen oder eine steuerliche Beratung zu erhalten. Bei Unsicherheiten empfiehlt es sich, eine:n Fachperson hinzuzuziehen.

2. Folgen Sie den neuesten gesetzlichen Entwicklungen

Die Regierung des Kantons Tessin arbeitet an alternativen Lösungen zum aktuellen Finanzausgleichssystem. Es ist entscheidend, sich über Gesetzesentwürfe und die Beschlüsse der kantonalen Delegation in den eidgenössischen Räten auf dem Laufenden zu halten. Aktualisierungen finden Sie auf der offiziellen Website des Staatsrats des Kantons Tessin oder Sie können sich für den Newsletter von Frontaliere Ticino anmelden, um rechtzeitig über wichtige Meldungen informiert zu werden.

3. Nehmen Sie an öffentlichen Konsultationen teil

Der Kanton könnte neue Konsultationen zu steuerlichen oder infrastrukturellen Massnahmen lancieren, die Sie direkt betreffen. Ihre Teilnahme ist eine Möglichkeit, Ihre Stimme zu Gehör zu bringen und die Politik mitzugestalten, die Ihr Arbeitsleben beeinflusst. Die Konsultationen werden oft auf der Website der Staatskanzlei des Kantons Tessin oder in den wichtigsten lokalen Tageszeitungen veröffentlicht.

4. Planen Sie Ihre Finanzen sorgfältig

Durch die Reduzierung der Finanzausgleichsmittel könnte der Kanton neue Steuern einführen oder bestehende erhöhen, um den fehlenden Ressourcenausgleich zu kompensieren. Es ist wichtig, Ihre Ausgaben zu planen und mögliche Einsparungen zu prüfen – besonders, wenn Sie unterhaltsberechtigte Familienmitglieder haben oder in der Schweiz ein Eigenheim besitzen. Nutzen Sie unseren Gehaltsrechner, um Ihr Nettoeinkommen zu schätzen und Ihr Budget entsprechend anzupassen.

5. Bewerten Sie Alternativen für Ihre berufliche Zukunft

Wenn Sie in der Schweiz arbeiten, aber besorgt über die Folgen des Finanzausgleichs sind, prüfen Sie, ob es Arbeitsmöglichkeiten in anderen Kantonen oder in Italien gibt. Bedenken Sie jedoch sorgfältig die Vor- und Nachteile eines möglichen Wohnsitz- oder Arbeitsplatzwechsels – insbesondere in Bezug auf Steuern und den Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen. Falls Sie Optionen im benachbarten Kanton Graubünden oder in Lugano in Betracht ziehen, können Sie unseren Gehaltsvergleich nutzen, um einen klaren Überblick über die Unterschiede zu erhalten.

6. Kontaktieren Sie die zuständigen Stellen

Bei Fragen oder wenn Sie Unterstützung benötigen, können Sie sich direkt an die zuständigen kantonalen oder bundesweiten Behörden wenden. Hier die wichtigsten Kontakte:

  • Steueramt des Kantons Tessin: Für steuerliche Fragen und Quellensteuer
  • Eidgenössisches Finanzdepartement (EFD): Für Informationen zum Finanzausgleich und zu den Beschlüssen des Bundesrats
  • SUPSI (Scuola Universitaria Professionale della Svizzera Italiana): Für Weiterbildungskurse zu Steuer- und Arbeitsrechtsthemen

7. Bleiben Sie mit Frontaliere Ticino informiert

Unser Team aus spezialisierten Journalist:innen beobachtet die Entwicklungen der Situation weiterhin genau. Melden Sie sich für unseren Newsletter an, um Echtzeit-Updates zu neuen Gesetzen, Konsultationen und Entscheidungen zu erhalten, die Ihr Arbeitsleben im Kanton Tessin beeinflussen könnten. Zudem können Sie unsere Artikel zu Grenzgänger:innen und dem Finanzausgleich verfolgen, um stets die aktuellsten Informationen zu erhalten.

📊 Wichtig: Die Situation ist dynamisch – regelmässige Informationen sind entscheidend, um Ihre Rechte und Möglichkeiten zu wahren.

⚠️ Hinweis: Bei konkreten Fragen zu Ihrer persönlichen Situation empfiehlt es sich, eine:n Steuerberater:in oder eine:n Anwält:in zu konsultieren.

Quelle: tvsvizzera.it

Häufig gestellte Fragen
Warum gilt der Kanton Tessin als reicher, als er tatsächlich ist?
Weil der schweizerische Finanzausgleich die Einkommen der Grenzgänger, die an der Quelle besteuert werden, in die Berechnung des Ressourcenpotenzials des Kantons einbezieht – sie aber nicht als Einwohner zählen. Dadurch wird das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen künstlich aufgebläht, was die Bundeshilfen für den Tessin verringert.
Wie viel verliert der Tessin jährlich durch diesen Mechanismus?
Die Tessiner Regierung schätzt den jährlichen Verlust für die Kantonskasse auf rund 9 Millionen Franken. Zudem wird der Kanton 2026 8,2 Millionen Franken weniger erhalten als 2025 – insgesamt also 98,3 Millionen Franken.
Die Grenzgänger zahlen Steuern im Tessin: Warum profitieren sie nicht von den lokalen öffentlichen Dienstleistungen?
Die Grenzgänger zahlen ihre Steuern an der Quelle, doch das Ausgleichssystem schreibt dem Tessin nicht die strukturellen Kosten zu, die durch die stark frequentierte Grenze entstehen. Diese Kosten – etwa für Strassenunterhalt oder Gesundheitsdienstleistungen – werden hauptsächlich von den Einwohnern getragen.
Was unternimmt die Tessiner Regierung, um dieses Problem zu lösen?
Der Staatsrat bezeichnete den Entscheid des Bundesrats als «mangelnde Anerkennung» und sucht nach alternativen Lösungen, etwa einer Reform der Gemeindesteuern oder bilateralen Abkommen mit Italien. Die Tessiner Delegation wird im Juni die Bundesfinanzministerin Karin Keller-Sutter treffen.
Kann ich als Grenzgänger etwas tun, um diesen Entscheid zu beeinflussen?
Ja. Du kannst die öffentlichen Konsultationen des Kantons verfolgen und – wenn möglich – daran teilnehmen. Zudem kannst du die zuständigen Ämter kontaktieren, um Informationen anzufordern oder Probleme mit deiner steuerlichen Situation zu melden. Bleib mit Frontaliere Ticino auf dem Laufenden, um zu erfahren, wie du dich aktiv einbringen kannst.
Wie wird sich dieser Entscheid auf mein Nettogehalt im Tessin auswirken?
Der Entscheid verändert dein Nettogehalt nicht direkt, könnte aber zu höheren Gemeindesteuern oder einer Reduzierung öffentlicher Dienstleistungen führen, falls der Kanton keine Alternativen für die Finanzierung der nötigen Infrastruktur findet. Nutze unseren Gehaltrechner, um dein Nettoeinkommen zu schätzen und dein Budget anzupassen.

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