Asyl und Straftaten, der Experte: Gefängnisse machen keine Angst (Grenzgänger-Leitfaden)

Schweizer Bundesverwaltungsgebäude in Bern, Sitz des Staatssekretariats für Migration

Kriminalitätsrate über 80% unter Asylbewerbern aus dem Maghreb. Gemäss Experte Beat Stauffer sind die Ursachen sozioökonomisch und die Schweizer Gefängnisse haben kaum abschreckende Wirkung.

Kontext

Kurzfassung

  • Strafquote von Asylsuchenden aus dem Maghreb über 80% (SEM-Daten 2024)
  • Sozioökonomische Ursachen, nicht kulturelle, laut Experte Beat Stauffer
  • Schweizer Gefängnisse praktisch nutzlos als Abschreckung
  • Rückführungen als größeres Abschreckungsmittel, aber Verfahren scheitern oft

Wichtigste Fakten

  • Was: Analyse der Kriminalität unter Asylsuchenden aus dem Maghreb
  • Wann: 2024, Daten des Staatssekretariats für Migration
  • Wo: Schweiz (bundesweites Asylverfahren)
  • Wer: SEM und Experte Beat Stauffer (über 10 Jahre in Zentren und Gefängnissen)
  • Prozentsätze: 80% Gesamtquote, 90% Algerier mit abgelehntem Antrag, 80,5% Durchschnitt Maghreb
  • Asylwahrscheinlichkeit: Weniger als 1% für viele Antragsteller

Eine Strafquote von über 80% unter Asylsuchenden aus dem Maghreb: Dies sind die Daten von 2024 aus einer internen Analyse des Staatssekretariats für Migration (SEM), aufgegriffen von der Zeitung Blick und Gegenstand einer intensiven nationalen Debatte. Der Experte für die Maghreb-Region Beat Stauffer verbarg seine Überraschung nicht: «Ich bin überrascht und schockiert», sagte er seinen Kollegen von 24Heures.

Stauffer bietet jedoch eine differenziertere Sicht. Bei Algeriern, deren Asylantrag abgelehnt worden war, erreichte die Quote fast 90%. Der Experte geht davon aus, dass einige nach der Ablehnung des Antrags so handelten, als hätten sie nichts mehr zu verlieren. Der Gesamtdurchschnitt für alle Maghreb-Länder, einschließlich Personen, deren Asylverfahren noch läuft, liegt bei etwa 80,5%.

Operative Details

Die Ursachen der Kriminalität liegen nach Stauffers Analyse hauptsächlich in sozioökonomischen Faktoren, nicht in kulturellen oder religiösen Elementen. Die Erklärung hat ihre Wurzeln in der materiellen Situation: «Die Armut und Prekarität sind alarmierend geworden». Viele der Jugendlichen, die als «Harraga» bekannt sind, stammen aus zerrütteten Familien und aus Kontexten, die von Gewalt und Vernachlässigung seit der Kindheit gekennzeichnet sind. «Sie wurden sehr früh mit Gewalt und Vernachlässigung konfrontiert. Diese Jugendlichen haben das Vertrauen in ihren Staat verloren, ebenso wie die Hoffnung, dass sich die Situation eines Tages für ihre Generation verbessern könnte».

Zu dieser materiellen Verzweiflung kommt ein tiefes Misstrauen gegenüber öffentlichen Institutionen und das Fehlen konkreter Perspektiven hinzu. Stauffer betont außerdem, wie soziale Netzwerke dazu beitragen, ein illusorisches Bild Europas zu fördern, das auf Autos, Partys, Freiheit und schnellem Geld aufgebaut ist. Und doch entscheiden sich viele, abzureisen, obwohl sie weniger als 1% Chancen auf Asyl haben. Die Kluft zwischen den durch digitale Kommunikation geschaffenen Erwartungen und der Realität vor Ort erzeugt Frustration, die in einigen Fällen in illegales Verhalten ausartet.

Wichtige Punkte

Stauffer, der über zehn Jahre lang in Schweizer Asylzentren und Gefängnissen unterrichtet hat, unterstreicht auch die Auswirkungen dieser Situation auf Bürger aus dem Maghreb, die legal in der Schweiz leben. Seiner Ansicht nach leiden viele unter dem negativen Image, das mit dem Verhalten einiger Landsleute verbunden ist, und unter dem Schaden für den Ruf einer Region, die auch für ihre Gastfreundschaft und ihr Kulturerbe bekannt ist. Die gesamte legitime maghrebinische Gemeinschaft leidet unter den Folgen, unabhängig von der persönlichen Verantwortung des Einzelnen.

Was mögliche Lösungen betrifft, bietet der Experte keine einfachen und unmittelbaren Antworten an. Die Zahlen verdeutlichen die Komplexität: Eine Million junger Menschen hätte die Schule in Tunesien im Laufe von fünfzehn Jahren verlassen, und unter den 2–2,5 Millionen Marokkanern zwischen 15 und 30 Jahren befinden sich viele ohne Ausbildung oder Arbeit. Der von Stauffer vorgeschlagene Weg führt über engere Zusammenarbeit mit den Maghreb-Ländern, über Investitionen in Strukturen für Straßenkinder und in berufliche Ausbildung. Darüber hinaus müssten legale Kanäle für Arbeitsmigration eröffnet werden, die es jungen Maghrebinern ermöglichen würden, auf reguläre Weise nach Verdienstmöglichkeiten zu suchen.

Häufig gestellte Fragen
Wie hoch ist laut sem die genaue Kriminalitätsrate unter Asylbewerbern aus dem Maghreb?
Nach der internen Analyse des Staatssekretariats für Migration (sem) aus dem Jahr 2024 liegt die Kriminalitätsrate bei Asylsuchenden aus dem Maghreb bei über 80 Prozent. Insbesondere bei den Algeriern mit abgelehnten Anträgen liegt sie bei fast 90%, während der Gesamtdurchschnitt für alle Maghreb-Länder, einschließlich der Antragsteller, die sich noch in einem laufenden Verfahren befinden, bei etwa 80,5% liegt.
Warum schließt der Experte Beat Stauffer kulturelle oder religiöse Ursachen aus?
Junge Maghrebiner sind Europa laut Stauffer oft kulturell näher als andere Asylsuchende. Der Experte führt die Kriminalität vor allem auf sozioökonomische Faktoren zurück: alarmierende Armut, Unsicherheit, Vertrauensverlust in den Staat, fehlende Perspektiven und illusorische Bilder von Europa, die über soziale Netzwerke verbreitet werden. Es handelt sich also nicht um ein Phänomen, das in kulturellen oder religiösen Werten verwurzelt ist, sondern in materieller Verzweiflung.
Was ist der Unterschied zwischen irregulären Wirtschaftsmigranten und echten Asylbewerbern?
Laut Stauffer sind irreguläre Wirtschaftsmigranten "völlig uninteressiert am Ausgang des Asylverfahrens", da sie wissen, dass sie weniger als 1% Chance haben, es zu bekommen. Für sie stellt das Begehen von Straftaten eine andere rationale Berechnung dar. Wer hingegen wirklich auf internationalen Schutz hofft, weiß, dass kriminelles Verhalten während des Verfahrens kontraproduktiv und irrational wäre. Diese Unterscheidung erklärt die hohe Quote: Viele der beschuldigten Asylbewerber fall
Warum haben Schweizer Gefängnisse fast keine abschreckende Wirkung?
Der Experte erklärt, dass «die abschreckende Wirkung eines Schweizer Gefängnisses praktisch gleich Null ist wie die eines nordafrikanischen Gefängnisses». Stauffer zitiert den Fall eines unbegleiteten Minderjährigen, der nach einigen Tagen im Gefängnis nicht in das Aufnahmezentrum zurückkehren wollte, weil er die Haftbedingungen nicht als hart empfunden hatte. Darüber hinaus führen viele geringfügige Vermögensdelikte selten zu einer Untersuchungshaft, wodurch die abschreckende Wirkung weiter red
Welche Lösungen schlägt Stauffer vor, um dem Phänomen zu begegnen?
Stauffer schlägt eine strukturelle Zusammenarbeit mit den Maghreb-Ländern durch Investitionen in Berufsbildung und Strukturen für junge Menschen in Schwierigkeiten vor. Grundlegend wäre die Öffnung legaler Kanäle für die Arbeitsmigration. Im Gegenzug sollten die nordafrikanischen Regierungen eine unbürokratische Rückübernahme gewährleisten und die Dokumentationszeit verkürzen, um das aktuelle Problem der fehlgeschlagenen Rückführungen zu lösen, die oft ein Jahr oder länger dauern.

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